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Der Boden und die Leerheit

Wenn jemand zu Boden gefallen ist, steht der auch wieder vom Boden auf. Wenn sich jemand vom Boden entfernen wollte, um aufzustehen, wäre dies unmöglich

Dogen sagt im Kapitel „Inmo“ des Shobogenzo:

„Du fällst und schlägst auf dem Boden auf. Doch du nutzt den Boden auch, um wieder aufzustehen. Du kannst gar nicht anders. Der Boden, auf den du fällst, ist „Es“ und der Boden, der Dir hilft aufzustehen, ist ebenfalls „Es“. Buddha‘s Verwirklichung ist genau wie jemand, der den Boden nutzt, um vom Boden aufzustehen. So haben es alle Buddhas getan und so können wir es auch tun.

Gleichzeitig kann der, der gefallen und am Boden ist, nur aufstehen, wenn er sich auch auf die Leerheit stützt. Wer sich umgekehrt auf die Leerheit stützt, wenn er gefallen ist, kann nur aufstehen, wenn er sich auch auf den Boden stützt.

Du musst die Dimension des Bodens und der Leerheit verstehen uns selbst erfahren“.

Wir können nur mit dem Boden aufstehen.

Mehr erfahren: www.zen-sensoryawareness.de

Zazen

Das was wir Sitzen nennen, Zazen, ist keine Einzelleistung. Es wäre gar nicht möglich, ohne die Unterstützung einer Vielzahl von belebten und unbelebten Dingen. Da ist das Dojo, der Raum, der uns Schutz bietet. Der Boden, der uns Halt gibt, unsere Körper empfängt und unsere Aufrichtung unterstützt. Die Luft, die wir gemeinsam atmen und deren Rhythmus uns im gegenwärtigen Moment verankert. Wach für die vielen Begegnungen, eine intime Berührung des Lebens.

Wie bin ich jetzt hier?

Nicht als “Ich”, die gedachte, unabhängige Größe, die aus sich selbst heraus existiert, sondern als Beziehung in einem unendlichen Netzwerk…

Samu – Spurlosigkeit

Samu ist der äußere Ausdruck von Spurlosigkeit. Wenn wir Zazen praktizieren, nehmen wir eine Haltung des Geistes ein, der die Gedanken vorbeiziehen lässt, so dass sich keine Bewertungen und Konzepte verfestigen können. Wenn wir Samu praktizieren, tun wir dies ohne Gedanken an Gewinn oder Verlust. Wir reinigen die Räume, schneiden das Gemüse, stellen benutzte Dinge wieder an ihren Platz und verlassen einen Ort, so wie wir ihn vorgefunden haben. So erhalten wir einen Raum, in dem Neues geschehen kann…

Bernie Glassman schreibt in seinen Anweisungen für den Koch:

“Während Samu machen wir uns keine Sorgen darüber was wir in der Vergangenheit alles hätten tun sollen oder darüber was wir in der Zukunft noch alles tun müssen. Es ist dabei unwichtig, ob etwas unserer Meinung nach schmutzig oder sauber ist. Wir reinigen einfach alles. Der Vorgang des Reinigens verändert den Menschen ebenso wie die Räume, die gereinigt werden und die Menschen, die diese Räume betreten. So reinigen wir unseren Geist. Um jedem Augenblick so offen wie möglich begegnen zu können, bemühen wir uns, alles “sauber” und frei von Einflüssen der Vergangenheit zu halten, wie nur möglich. Wenn Gedanken auftauchen, lassen wir sie ziehen und konzentrieren uns wieder auf unsere Atmung…”

“Du gestaltest die Sangha”

Wir sind ein offenes Stadt Dojo und jede/r ist bei uns herzlich willkommen. Die Praxis ist jedoch immer nur so stark wie die Sangha, die sie trägt. So gern wir Gäste empfangen und interessierten Menschen die Gelegenheit geben wollen, die Praxis des Zazen kennenzulernen, braucht es für die Zen Praxis eine gewisse Verbindlichkeit. In Japan gibt es die Empfehlung, sich einer Sache für mindestens ein Jahr zu widmen, bevor man eine Entscheidung dafür oder dagegen trifft. Während unserer Zen Praxis gehen wir durch Höhen und Tiefen und es ist schade, beim ersten Aufkommen von Schwierigkeiten das Handtuch zu werfen.

“Arbeite mit anderen zusammen um einen Ort für die Praxis zu schaffen, an dem ernsthafte Übende ohne unnötige Sorgen sich der Praxis widmen können” (Uchiyama Roshi).

Du gestaltest die Sangha…

Zen und die Sinne: Erinnerungen an Charlotte Selver und Shunryu Suzuki Roshi – Ein Interview mit Yvonne Rand

Zen und Sensory Awareness. In Form und Praxis verschieden, zeichnet beide gleichzeitig eine wunderbar bereichernde Verwandtschaft aus, welche sich auch in der Begegnung und dem Zusammenwirken von Shunryu Suzuki Roshi und Charlotte Selver zeigte. Das folgende Gespräch ist ein Auszug eines Interviews, welches Stefan Laeng als Teil des Charlotte Selver Oral History and Book Projects geführt hat. Yvonne Rand ist Meditationslehrerin und Zen-Priesterin in der Soto Tradition. Sie begann mit ihrem Studium und der Praxis des Zen mit Suzuki Roshi im Jahr 1966 und wurde Dharma-Nachfolgerin von Dainin Katagiri Roshi.

Yvonne Rand: Das erste Mal haben Charlotte Selver und Suzuki Roshi 1967 gemeinsam in San Francisco gelehrt. Es war ihre erste Begegnung überhaupt und sie taten alles gemeinsam. Er leitete einen Teil des Tages und sie leitete einen Teil des Tages, und er war dann vollständig Teilnehmer. Seine Schüler*innen bemerkten das. Oh, das ist also eine Lehrerin, der wir Aufmerksamkeit schenken sollten. Auf der anderen Seite waren da auch einige Schüler*innen von Charlotte, die von Suzuki Roshi und seiner Lehre angetan waren.

Ich erinnere mich an einen der ersten Sensory Awareness Workshops von Charlotte in Green Gulch. Sie hatte einige grosse Steine dabei. Sie bat uns, uns auf den Boden zu legen und die Steine auf unterschiedliche Stellen des Körpers zu legen, um die Aufmerksamkeit in den Körper zu bringen. Suzuki Roshi war begeistert von all dem. Selbst heute noch richten wir Amerikaner unsere Aufmerksamkeit vor Allem auf die Region über dem Hals. Ich glaube, er war sehr froh diese Affinität und Gemeinsamkeit in ihrer Arbeitsweise zu spüren.
Für Suzuki Roshi, der Steine liebte – er war vernarrt in Steine – war klar, dass sie etwas zu bieten hatte, das fehlte. Hier war jemand, die Steine in ihrer Arbeit nutzte, um ihre Schüler*innen in eine Art Erwachen für die Sinne und Körperlichkeit einzuführen, die es jeder und jedem erlaubten, aufmerksam zu werden für die eigene Erfahrung.

Für einen japanischen Zen-Priester in den USA war körperbasierte Arbeit und Praxis zu dieser Zeit ungewöhnlich. Eine Westlerin zu finden, die eine Arbeit wie Charlotte anbot und die so stark mit dem Zen und seinen eigenen Erfahrungen harmonisierte, war selten. Ich glaube, manchmal war er auch ganz schön einsam. Natürlich hatte er eine enge Verbindung zu seinen Schüler*innen. Aber die kollegiale Verbindung mit einer Lehrerin hat halt nochmals eine andere Qualität. Darin fand er wohl auch Bestätigung.

Die meisten amerikanischen Zen-Schüler*innen hatten einen Hang zum Dogmatismus – als hätten manche Leute Scheuklappen an. Wenn Zen Praxis nicht streng und formal war, dann war es keine Zen Praxis. Wenn Du aber auf die Zen Geschichte in China, Vietnam oder Japan zurück schaust, gab es da immer auch die Sonderlinge und all die verschiedenen Formen, die als Ausdruck des Buddhismus anerkannt sind, des Zen im Besonderen.

Mein Eindruck von Suzuki Roshi war, dass es ihm sehr klar war, dass Sensory Awareness eine spirituelle Praxis ist, eine die den Menschen erfahren lässt, wie man vom Hals abwärts erwacht. In einer Weise sind Charlottes Unterweisungen später in ihrem Leben in unsere Gemeinschaft integriert worden, die ansonsten in erster Linie auf den Buddhismus und die Lehren von Suzuki Roshi konzentriert war. Charlotte und ihre Schüler fühlten, dass es da eine Verwandtschaft gab und das haben dann auch die Zen-Schüler*innen gefühlt.

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Suzuki Roshi über seine Erfahrungen, gemeinsam mit Charlotte zu unterrichten. Er sagte etwas darüber, wie sie die Elemente einer Zeremonie in ihr Tun einbrachte, eine Zeremonie, die körperorientiert war.

Stefan Laeng: Es ist interessant, dass Du die Wichtigkeit von Zeremonien und Ritualen erwähnst und wie Sensory Awareness und Charlotte daran Anteil hatten, weil…

Yvonne Rand: Das war Suzuki Roshi´s Sichtweise.

Stefan Laeng: …Charlotte vermied Zeremonien und Rituale.

Yvonne Rand: Naja, sie tat es und tat es auch nicht. Man könnte argumentieren, dass ein Essen auf der Terrasse bei ihrem Haus in Muir Beach – unter dem Deckmantel, ‘lasst uns zusammen essen’ – alles von einem Ritual oder einer Zeremonie hatte. In meiner Wahrnehmung waren eine Mahlzeiten mit Charlotte und Charles eine heilige Praxis, eine spirituelle Praxis. Das war mir sehr klar. Das war eine der Sachen, die ich an Charlotte so geschätzt habe. Weil ich fühlte, es gab da eine Art und Weise in der Suzuki Roshi – wie soll ich sagen? Ich fühlte, dass er immer präsent war, wenn ich zu ihrem Haus dort oben ging, um mit Charlotte und Charles zu essen. Ich glaube, Suzuki Roshi hätte das gemocht. In gewissem Maße war es auch die Art, wie Charlotte ihr Haus eingerichtet hatte, wie sie Kleider trug, all die Dinge, die sie während ihres Unterrichts tat und wie sie den Arbeitsraum gestaltete. Da war immer ein rituelles Element mit dabei.
Außerdem glaube ich, dass Charlotte vielleicht die erste Person war, die es aushielt, wenn auf dem Esstisch nicht alles zusammen passte. Die Teller stimmen nicht notwendigerweise überein, das Silberbesteck passte mit Sicherheit nicht zusammen. Die Servietten passten oder passten eben nicht. So war auch dies eine Art Spiel. Ich habe nie erlebt, dass sie einer Notwendigkeit von Perfektion anhing. Sie wollte wirklich Raum geben für das Besondere in jedem Menschen. Diesen Sinn für Einzigartigkeit verkörperte sie wirklich, denke ich.

Stefan Laeng: Ja, auch wenn es schien, als wäre es egal, ob Dinge zusammen passten oder nicht, geschah das nicht aus Gleichgültigkeit.

Yvonne Rand: Es war nicht chaotisch. Das Ergebnis war immer harmonisch. Sie hatte einen ausgeprägten Sinn für die Inszenierung. Und ich glaube, dass dieser Sinn für Ästhetik den Charlotte kultivierte, für Suzuki Roshi einfach passte. Da spürte er eine wirkliche Verwandtschaft mit ihr. Diese gemeinsame Begeisterung war ein echtes Geschenk für ihn, eine Form von Freundschaft. Ich glaube, dies war einer der Gründe, warum er so wohlwollend war und scharf darauf, dass sie seine Schüler*innen unterrichtete.

Kürzlich dachte ich an ein Sesshin mit Suzuki Roshi und dabei kam mir auch Charlotte in den Sinn. Er sagte zu mir: „Es ist richtig, dass ich manchmal der Lehrer bin und Du die Schülerin. Aber es ist genauso wahr, dass Du manchmal die Lehrerin bist und ich der Schüler“. Ungefähr ein Jahr zuvor fuhr ich ihn nach einem Thanksgiving Essen von Tassajara zurück. Wir kamen im Sokoji (der Tempel in San Francisco) ungefähr um Mitternacht oder ein Uhr morgens an. Er schlief die ganze Fahrt. Das war normal für ihn. Und natürlich wachte er frisch wie der Frühling auf und fing an, mir eine Unterweisung in Vertrauen zu geben. Es begann mit, „Ich vertraue niemandem“. Er machte sich Sorgen über seine Schüler*innen, weil er fühlte, dass sie so sehr danach verlangten, ihm zu vertrauen. Und er sagte: „ Aber ihr seid auf dem Holzweg. Manchmal bin ich vertrauenswürdig und manchmal nicht. Wie wäre es, wenn Ihr Euch selbst vertraut? Weshalb projiziert ihr das auf mich?

Charlotte hatte einen bestimmten Hang zum – das Wort was mir einfällt passt nicht ganz – einen Hang zum Unfug. Eine Vorliebe zum ungezogen sein, etwas frech und spielerisch, so wie er auch.

Ich fuhr Suzuki Roshi oft nach Tassajara. Und einmal, auf der Höhe des Bergrückens, bevor wir nach Tassajara runterfuhren, auf der anderen Seite eines Stacheldrahtes, wuchsen Farne auf der Weide. Sie waren noch jung und eingerollt, man nennt sie dann Becherfarn/Straußenfarn. In diesem Stadium sind sie in Japan eine echte Leckerei. Suzuki Roshi sagte: „Yvonne, stop. Halt an“. Und er zeigte rüber und sagte: „Ich möchte, dass Du mir so viele davon holst, wie nur möglich. Hast Du etwas, wo Du sie reintun kannst?“ Und ich erwiderte: „Aber Suzuki Roshi, da steht ein großes „Kein Durchgang“ Schild“. Er sagte: „Ignoriere es!“

Stefan Laeng: Ich lache, weil ich mit Charlotte ganz genau solche Dinge tat.

Yvonne Rand: Genau. Das ist es, was ich meine. Beide hatten diesen Schalk. Er stellte also seinen Fuss auf den Stacheldraht, so dass ich durchrutschen konnte und dann ging er zurück und setzte sich ins Auto, kurbelte das Fenster runter, gab mir Anweisungen, wann es genug sei. Das war als ich so gut wie den gesamten Farnbestand dezimiert hatte. Und dann sagte er: „Ok, wir müssen nun schnell nach Tassajara. Fahr so schnell zu kannst“. Und dann ging er direkt in die Küche und machte Becherfarn/Straußenfarn Suppe. Er hat sich so riesig gefreut, dass er es kaum aushielt.

Stefan Laeng: Das hätte Charlotte sein können.

Yvonne Rand: Ja. Ich glaube, es ist – wie soll ich sagen? Als Suzuki Roshi den Farn sah, gab es diese spontane Begeisterung, einen Enthusiasmus und eine Erregung – er hat fast gesabbert, so begeistert war er. Ich denke, in dieser Art von sich körperlich äussernder Begeisterung waren sie sich sehr ähnlich.

In Bezug auf meine eigene Unterweisung als Zen-Lehrerin werde ich von Traditionalisten gerne als Eklektikerin gesehen aber das ist meiner Meinung nach absolut nicht zutreffend. Irgendwie gibt es diese Vorstellung, in der die japanische Zen-Tradition als vom Körper entkoppelt missverstanden wird. Die Arbeit von Charlotte und Charles hatte daran Anteil, dass Zen in Amerika sich dem somatischen Bereich öffnete, dass die Aufmerksamkeit wieder im Körperlichen, in den Sinnen verankert wurde und zwar auf eine Weise, die aus Europa kam, nicht aus Asien.

Stefan Laeng: Würdest Du also sagen, dass was Du von Charlotte gelernt hast, sich heute in Deiner Arbeit auswirkt?

Yvonne Rand: Unbedingt. Charlotte half mir zu verstehen, dass insbesondere für uns Westler, die wir so enorm viel Betonung auf’s Denken legen und Erfahrungen auf körperlicher Ebene gerne missachten oder herabsetzen, es wichtig ist zu erkennen, wie verlässlich Körperempfindungen sind, so wie es das Denken zwar sein kann aber oft nicht ist. Sie machte es mir möglich die Erfahrung zu wertschätzen, wenn Du Geh-Meditation machst und Deine Füsse tatsächlich mit dem Boden in Kontakt sein läßt. In diesem Zusammenhang denke ich wirklich an Charlotte. Die Wahrnehmung beim Gehen die Bewegung der Luft im Raum zu spüren. Viele Meditierende sind so in ihrem Kopf, dass sie sich wundern, wenn du sowas sagst. Worüber redest Du? Ich glaube, dass die Essenz von Charlottes Arbeit darin lag, allem unsere Aufmerksamkeit durch die Sinne zu schenken. Und die Tatsache, dass sie aus ihrer eigenen Erfahrung als Westlerin und aus einer westlichen Tradition schöpfte, ist von grosser Wichtigkeit für mich.
Ich denke, dass sie eine wichtige Person für diejenigen von uns war, die die Chance hatten mit ihr arbeiten zu dürften und gleichzeitig Zen zu praktizieren. Auf eine Weise brachte ihre Arbeit alles zum Leben. Es gab es bei ihr keine Chance in Starrheit zu verfallen.

Charlotte Selver wurde 1901 in Ruhrort/Duisburg geboren. Ab 1921 hat sie sich bei Rudolf Bode zur Lehrerin der Ausdrucksgymnastik ausgebildet. Nachdem sie 1923 die Berliner Gymnastiklehrerin Elsa Gindler kennenlernte, hat sich ihre Arbeit tiefgreifend verändert. Gindler entwickelte in der Zeit zusammen mit dem Musikpädagogen Heinrich Jacoby eine Arbeitsweise, die sich von vorgegebenen Übungen löste und die Schüler*innen in Arbeitsgemeinschaften zu einem probierenden Erforschen ihres Verhaltens aufforderte, um so ihr Potential autonom und authentisch zu entwickeln. Charlotte Selver hat diesen Ansatz übernommen und ihn sich über viele Jahrzehnte zu eigen gemacht. Als Jüdin musste sie 1938 Deutschland verlassen und hat sich in den USA einen Namen als Pionierin des “Human Potential Movements” gemacht. Sensory Awareness, wie sie ihre Arbeit nannte, war ab den 1950er Jahren von bedeutendem Einfluss auf viele heute bekanntere somatische Arbeitsweisen. Ihre Begegnung zu dieser Zeit mit führenden Lehrern des Zen in den USA hat sowohl sie wie auch die Entwicklung des Buddhismus im Westen geprägt. Charlotte Selver starb 2003 in Muir Beach, Kalifornien.

Das San Francisco Zen Center wurde 1962 von Shunryu Suzuki Roshi (1904 – 1971) und seinen amerikanischen Schüler*innen gegründet. Suzuki Roshi, ein japanicher Zen-Priester der Soto Linie, kam 1959 im Alter von 54 Jahren nach San Franzisko. In Japan ein respektierter Zen-Meister, war er beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und Qualität des „Anfänger Geists“ der zen-interessierten Amerikaner, die er traf und entschied sich zu bleiben. (Von der Webseite des San Franzisko Zen Center. Mehr Infos unter: www.sfzc.org)

Yvonne Rand ist Meditationslehrerin und „Laien-Haushälterin“ Zen-Priesterin in der Soto-Zen Tradition. Sie begann mit ihrem Studium und der Praxis des Zen mit Suzuki Roshi im Jahr 1966 und wurde Dharma-Nachfolgerin von Dainin Katagiri Roshi. Yvonne war Sekretärin des San Franscico Zen Center in den ’60ern, Vorsitzende in den ’70ern und Vorstandsvorsitzende in den ’80er Jahren. Weitere wesentliche Lehrer*innen waren Maureen Stuart Roshi, Seine Heiligkeit der Dalai Lama, der ehrwürdige Tara Tulku und Shodo Harada Roshi. Ihre hauptsächliche Praxis ist das Zen, bereichert durch die Praxis und die Unterweisungen der Theravada Tradition und Vipassana. Yvonne Rand läßt auch Einsichten der psychotherapeutischen Traditionen in ihre Arbeit einfließen. Gleichzeitig erforscht sie die Bedeutung der Kunst und des Gärtnerns als Geistestraining. Sie ist verheiratet, ist Mutter und Gärtnerin. (Weitere Infos unter: www.goatintheroad.org)

Das Original Interview (englisch) und weitere Infos zum Charlotte Selver Oral History and Book Project von Stefan Laeng unter: www.charlotteselverbook.org

Zur Sensory Awareness Arbeit mit Stefan Laeng: www.pathwaysofsensoryawareness.com

Was müssen wir jetzt spüren? – Edward Espe Brown im Gespräch mit Stefan Laeng

Stefan: Vor einigen Jahren interviewte ich eine Reihe von Menschen im Umfeld des San Francisco Zen Center, mit denen Charlotte Selver und Charles Brooks eine langjährige Freundschaft verband. Ed Brown traf sie in den 1960ern zum ersten Mal im Tassajara Zen Mountain Center, als er dort Tenzo (oberster Koch) war. Charlotte und Charles waren häufig Gäste in Tassajara, wo sie über viele Jahre jeden Sommer Workshops leiteten. Was folgt, ist ein bearbeiteter Auszug meiner Unterhaltung mit Ed:

Espe Brown: Egal was Charlotte Selver uns beibrachte, es war so ungewöhnlich und für manche Leute schwer zu verstehen. Ich erinnere mich an einen Kurs in Tassajara. Sie sagte: „Dreh Deinen Kopf nach Rechts und dann dreh ihn zurück“. Sofort fragte jemand: „Wie genau sollen wir das tun?“ Viele Jahre später, als ich anfing Kochkurse zu geben und etwa sagte: „Lasst uns probieren“, fragten Leute: „Was sollen wir schmecken?“. Es ist schwer für die Menschen, einfach nur zu schmecken. Irgendwie scheinen manche Leute lieber die „richtige“ Erfahrung zu machen, als die die sie gerade haben.

Momentan arbeite ich mit etwas, dass ich „Achtsame Berührung“ (mindfulness touch) nenne. Zum Teil bin ich dabei von den Kursen beeinflusst, an denen ich mit Charlotte Selver und Charles Brooks in Tassajara teilgenommen habe. Bei der „Achtsamen Berührung“ ist es das selbe – Achtsamkeit ist das buddhistische Konzept der Erfahrung, ohne zu urteilen, gut/schlecht und ohne zu bewerten richtig/falsch. Einfach etwas zu erleben. Das ist sehr herausfordernd aber ich bin zu dem Verständnis gelangt, dass Du, solange Du urteilst, noch keine wirkliche Erfahrung machst. Auch bei Berührungen folgen wir oft Anweisungen, wir erfahren fast alles mit Anweisungen, Anweisungen, was zu tun ist, wie Du sein sollst. Wie kannst du so wirklich etwas erfahren?

Ich hatte einige Begegnungen mit Charlotte und Charles, in denen ich dies herausfinden konnte. Es hat aber Jahre gedauert, bis ich dies wirklich in meinem Leben verwirklichen konnte. Es ist so schwer sich zu ändern. Ich hatte ein furchtbares Kindheitstrauma. Ich kann nicht sagen, wie andere es erleben aber je mehr ich anfing, einfach nur zu spüren, was in mir ist, anstatt sicher zu gehen, dass ich das richtige spürte, tauchte ich unmittlelbar da hinein.

Ich nahm regelmäßig an den Kursen mit Charlotte und Charles auf der Veranda des Speisesaals von Tassajara teil. Ich arbeitete hart und schlief eher wenig, und so war ich nachmittags meistens schrecklich müde. Aber wenn ich zu ihren Kursen ging, war ich nach einer Stunde des “Einfach-da-seins” anstatt „ich muss dies, ich muss das”, wieder erfrischt.

Es gibt eine Geschichte, über ihre Anfänge mit Sensory Awareness, die Charlotte mir erzählte. Ich nutze sie oft, wenn ich mit Menschen Qi Gong mache. Die Art Qi Gong die ich praktiziere, richtet den Fokus nicht darauf, es richtig zu tun, sondern mehr darauf, die Bewegung zu erspüren und nicht eine Bewegung durchzuführen. Ich weiß nicht, ob Charlotte diese Sprache gewählt hat aber für mich ist es „Führ die Bewegung nicht aus, spüre die Bewegung“.

Stefan: Sie hätte nicht diese Worte gebraucht aber es ist das, was sie tat.

Espe Brown: Also, Charlotte hatte von einer Lehrerin namens Elsa Gindler gehört und wollte sie treffen. Sie sagte zu Gindler: „Ich möchte mit ihnen studieren“. Und Elsa erwiderte: “Sie wissen zuviel, Sie können nicht mit mir studieren“. Irgendwie hat Charlotte aber darauf bestanden, bis Gindler schließlich Ja sagte. Charlotte erzählte, dass sie ein Jahr lang dachte, dass Gindler die absolut wunderbarsten Dinge unterrichtete und alles was sie sagte, einfach brilliant und weise war aber sie sagte auch, „sie schien mich nicht richtig anzuerkennen. Wenn sie mich ansah, war es so, als würde sie meine Anwesenheit nicht wirklich schätzen. Und dann, nach ungefähr einen Jahr, drehte Elsa sich zu mir um und sagte: „Oh, Charlotte, Gott sei Dank, endlich eine authentische Bewegung und keine Pose. „.“ Charlotte sagte, danach wurde es wesentlich schwieriger.

Das ist auch etwas, was ich den Menschen beibringen will, den Unterschied zwischen Authentizität und Pose oder den Unterschied zwischen einem Verhalten, was Zustimmung sucht und anwesend und lebendig zu sein. Manchmal nenne ich das dann echt werden. Und ich sehe nicht viele Menschen, die echt sind. Manche Zen Leute sind es, aber nicht alle. Und einige sind echter als andere.

Stefan: Im Zen hast Du die Herausforderung in einer sehr klaren Form echt zu sein. Oft genug bringen die Leute das dann durcheinander und versuchen, die Form zu sein.

Espe Brown: Ja, die Leute bringen das durcheinander und versuchen, die Form zu sein. Suzuki Roshi sagte, wir haben eine formelle Praxis mit zwanglosem Fühlen aber eine Menge Leute betreiben eine formelle Praxis mit erzwungenem Fühlen. Auf der anderen Seite scheint es mir für viele Menschen schwierig zu sein, direkt zu Sensory Awareness zu kommen und nicht vorher eine „Tue genau dies und tue es genau so“ Praxis gehabt zu haben.

Stefan: Das ist ein interessanter Punkt. Ich habe mit Menschen in der Schweiz gearbeitet, die Kolleg/innen von Charlotte und Schüler/innen von Gindler und Jacoby waren und ich weiß, dass in Berlin eine Genauigkeit und Präzision herrscht, die Charlotte zurückgelassen hat. Sie war nicht unpräzise aber ich glaube, sie zielte direkt auf’s Herz der Sache.

Espe Brown: Ich denke, dass Charlotte mit den Jahren gemerkt hat, dass eine Menge Leute im Zen Center ziemlich rigide waren und Dinge so taten, wie sie sie tun sollten, anstatt zu erleben, anstatt zu erfahren, was tatsächlich geschieht. Ich habe Jahre versucht das zu unterrichten und ich bin damit vielleicht annähernd so erfolgreich wie Charlotte es war aber wer weiß.

In meinen Kochkursen lasse ich viel propieren. Manchmal nehme ich Erdbeeren, wir schmecken die Erdbeeren und dann füge ich etwas Ahornsirup dazu: „Oh, das ist gut“. Danach geben wir ein paar Tropfen Balsamico-Essig dazu – nicht so sehr wegen des Essiggeschmacks, sondern wegen der leichten Säure und sie sagen: „Woah, das schmeckt jetzt noch mehr nach Erdbeeren“. Und nach einem Quentchen Schwarzen Pfeffer sagen sie: „Es ist nicht so, als wäre es pfeffrig oder scharf im Mund aber es schmeckt noch mehr nach Erdbeere“. Es scheint, als könntest Du Erdbeeren noch mehr nach Erdbeeren schmecken lassen, wenn Du vorsichtig bist und es nicht übertreibst.

Stefan: Charlotte gebrauchte die Analogie des Schmeckens sehr häufig und forderte uns sogar auf, eine Bewegung zu schmecken.

Espe Brown: Ja, genau, mit den Jahren hatte ich des öfteren die Erfahrung, dass manche Bewegungen oder Dinge köstlicher sind als andere.

Ich arbeite gerade an einem neuen Buch über mein Leben. Ich beginne mit der Zeit in Tassajara, als ich nach neunzehn Jahren Zen Praxis eines Tages dachte, was werde ich wohl heute während des Sitzens machen und der Gedanke auftauchte, warum nicht einfach das Innerste mit etwas Wärme und Wohlwollen berühren.
Sofort liefen mir die Tränen runter und eine leise Stimme sagte: „Es wird langsam Zeit“. So lang hat es gedauert – neunzehn Jahre Zen Praxis – bis ich mir endlich etwas eher Sensory Awareness ähnliches zu erleben erlaubte. Und ich hatte eine Menge Arbeit damit. Ich weiß nicht, ob das für jede/n gilt aber bestimmt scheint es für Leute, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden und alkoholkranke Eltern hatten, eine Menge „Rest-Drama“ zu geben, welches es ziemlich schwierig macht, mit Sensory Awareness zu arbeiten. Sich einer Art von internen Realität zu öffnen oder ganz einfach zu spüren was ist, bedeutet, einige Regeln zu brechen. Regeln, die Du Dir selbst auferlegt hast und wenn Du die brichst, kommst Du nicht umhin zu glauben, dass Du verletzt werden wirst.

Stefan: Interessant, dass so jemand dann eine Praxis wie das Zen aussucht, welche so viele Regeln kennt.

Espe Brown: Tja, weil es ein Gefühl der Sicherheit bringt – bis zu einem bestimmten Punkt. Danach sah ich Katagiri Roshi. Er war damals der interimistische Abt, und ich fragte ihn: „Katagiri Roshi, während meiner Meditation berühre ich einfach was innen ist. Ist das in Ordnung? Ist das Zen?“ Er antwortete: „Ed, zwanzig Jahre lang habe ich versucht das Zazen Dogen´s zu praktizieren, bevor mir klar wurde, das es so etwas nicht gibt“. Es gibt kein richtig machen, es gibt keine Art und Weise wie Du zu sein hast.

Ich verstehe etwas davon, mit Dingen in Kontakt zu sein, Dinge direkt zu spüren und für mich selbst zu wissen, was was ist und keine feste Form zu haben, an der ich festhalten müsste. Aber es gibt etwas in der Form des Zen… Manchmal bleibt Dir nichts anderes übrig, als einfach Deine Schwierigkeiten zu studieren. Es scheint eine gewisse Nützlichkeit in der ganzen Struktur zu geben. Ich brauchte Struktur. Gefühle kommen meistens aus unserer frühen Kindheit. Gefühle drücken nicht das Jetzt aus. Gefühle von früher werden ausgelöst. Darin war ich über Jahre verloren und ich verbrachte Jahre damit, da raus zu kommen und von daher ist es nicht leicht zu sagen, was hilfreich oder angemessen für einen selber ist. Meiner Meinung nach kann Zen – formelle Praxis mit zwanglosem Fühlen, nach Außen hälst du die Form, im Innern fällst du auseinander – theoretisch sehr hilfreich sein aber ich glaube, die wenigsten Leute verstehen das. Die meisten Menschen denken, es geht darum, die Fassung nicht zu verlieren, aber idealerweise bleibst du intakt und fällst gleichzeitig auseinander. Ansonsten bewahrst du einfach die Fassung und der ganze Kram den Du nicht verarbeitet hast, wird Dich mit der Zeit krank machen.

Suzuki Roshi sagte oft, Hindernisse sind eine Einladung zur Praxis. Schwierigkeiten sind der Weg. Doch ich glaube, die meisten Leute sagen sich, „Nein, ich mache einfach dieses Sensory Awareness und atme da durch“, während die Leute, die in der Zendo sitzen sagen: „Nun, ich praktiziere einfach“.

Stefan: Wir wollen  die Fassung bewahren. Das finde ich interessant, weil ich mich manchmal frage, warum wir tun was wir tun und ob es tatsächlich hilfreich ist?

Espe Brown: Wirklich schwer zu sagen.

Es scheint mir extrem wichtig zu sein, aufzuwachen für etwas anderes als ein „kann ich noch besser werden, eine Erfahrung zu kreieren, die ich haben sollte„.

Stefan: Selbst in der Sensory Awareness habe ich bemerkt, dass wir uns manchmal überlisten und Dinge fühlen, die gar nicht wirklich da sind.

Espe Brown: Ich habe Jahre damit zugebracht richtig zu atmen. Im Buddhismus sagen die Leute immer und immer wieder, folge Deinem Atem, lass ihn zu, und ich habe das geübt. Du magst denken, Du lässt den Atem frei fließen und es stellt sich raus, dass er einfach nur so fließt, wie Du ihm sagst, das er fließen soll. Gelegentlich bemerkst Du in Bezug auf Deinen Atem dann etwas wie, „Oh, ich glaube, ich habe ihn beeinflußt“. Es ist sehr schwer Erfahrungen zu machen, die wirklich frisch und neu sind, unmittelbar. Aber das scheint mir extrem wirksam, extrem wichtig zu sein, um aufzuwachen für etwas anderes als ein „kann ich noch besser werden, eine Erfahrung zu kreieren, die ich haben sollte“.

Stefan: Alles was wir tun, ist immer eine neue Erfahrung, die aus vorangegangenen Bedingungen resultiert. Was meint frische Erfahrung? Im Buddhismus spricht man von wahrer Natur. Ich habe diese Vorstellung aufgegeben. Was ist das überhaupt?

Espe Brown: Es ist ein Wort, ein Konzept. Wahre Natur ist keine Natur, keine feste Natur. Deine wahre Natur zu kennen bedeutet, dass Du ursprünglich frei bist. Das es nichts zu tun gibt, nichts zu flicken oder zu verändern. Gibt es einen Punkt, an dem ich nur noch empfangen kann und glücklich bin wahrzunehmen anstatt den nächsten Fehler zu finden, ihn zu benennen und zu reparieren? Für mich ist das so etwas wie Sensory Awareness.

Auf der anderen Seite willst Du manchmal wissen, wie ich z.B. dieses oder jenes koche? Was tue ich? Wir leben in unterschiedlichen Welten und ich glaube, die Leute denken, wenn sie anfangen zu meditieren, hilft ihnen das herauszufinden, was sie tun können und wie sie die Dinge besser machen können und wie sie bessere Ergebnisse erzielen, doch ich bin nicht sicher – vielleicht, vielleicht auch nicht. Ich glaube, letztlich geht es um…

Stefan: Damit endete unsere Unterhaltung abrupt. DasTelefon klingelte und Ed ging heran. Als ich das Skript für diesen Artikel bearbeitete, rief ich Ed an und fragte ihn, was er wohl an der Stelle habe sagen wollen. Seine Antwort war: „Perfektes Timing! Ich glaube, es geht einfach darum ans Telefon zu gehen, wenn es klingelt“. Er bot mir aber auch ein anderes Ende an: letztlich geht es nicht darum, dass alles besser wird, sondern dass wir mit unserer eigenen Erfahrung vertraut werden, dass wir vom Herzen her leben und nicht im Überlebensmodus funktionieren.

Edward Espe Brown begann mit Zen und Kochen im Jahr 1965 und wurde 1971 von Shunryu Suzuki Roshi zum Priester ordiniert. Seine Unterweisung ist sowohl unbekümmert und eindringlich, gemischt mit Poesie und Geschichtenerzählen. Nachdem er hauptverwantortlicher Lehrer an allen San Francisco Zen Centers: Tassajara, Green Gulch und City Center war, hat er ausserdem Meditationsretreats und Kochkurse in den gesamten USA sowie in Österreich, Deutschland, Spanien und England geleitet. Er ist Autor diverser Kochbücher, wie The Tassajara Bread Book und Tomato Blessings and Radish Teachings, sowie Lektor von „Not Always So“, ein Buch mit Unterweisungen von Shunryu Suzuki Roshi (Juni, 2002). Darüber hinaus hat er seit 1980 umfassend Vipassana praktiziert und von Zeit zu Zeit Yoga. Seit ein paar Jahren leitet er Workshop zu Liberation Through Handwriting und Mindfulness Touch und hat mit der Praxis von Chi Gung angefangen. Doris Dörries Film über Ed Brown, How to Cook Your Life, kam im Oktober 2007 heraus. Das vollständige Tassajara Cookbook, eine Sammlung seiner Schriften, wurde im September 2009 publiziert.

Stefan Laeng-Gilliatt praktiziert Sensory Awareness und verwandte Arbeiten seit 1980. Er studierte mit LehrerInnen in der Schweiz und den USA. Mit Charlotte Selver arbeitete er von 1991 bis zu ihrem Tod 2003 intensiv zusammen, als Schüler wie auch in gemeinsamen Kursen. Er erhielt von ihr 1996 die Lehrberechtigung. Buddhistische Meditation und Philosophie bilden seit den frühen 80er Jahren eine Grundlage seiner Arbeit und seines Lebens. Er ist Executive Manager der Sensory Awareness Foundation und bietet sowohl Einzel- als auch Gruppenunterricht und Workshops an. Er arbeitet zur Zeit an einem Oral History und Buchprojekt über Leben und Wirken von Charlotte Selver. Stefan lebt in Hancock, New Hampshire, USA.

Die englische Fassung des Gesprächs findest Du hier

Weitere Infos: www.mindfulnessinmotion.net

Zen & Sensory Awareness – Ein Interview mit Kiku Christina Lehnherr

Die unmittelbare Erfahrung dessen, was im Moment ist

Sensory Awarenes-Lehrer Stefan Laeng im Gespräch mit Christina Lehnherr, ehemalige Äbtissin des San Francisco Zen Centers.

Stefan: Uns verbindet auf der einen Seite, dass wir eine starke Verbindung sowohl mit dem Buddhismus als auch mit Sensory Awareness haben. Dazu kommt aber noch, dass wir beide vor vielen Jahren aus der Schweiz in die USA ausgewandert sind, weil uns etwas wichtiger wurde, als die Bindung an die Heimat. Uns hat eine andere Art von Heimat unwiderstehlich angezogen.

Christina: Ich begann so ab 1982 mit Charlotte Selver in der Schweiz und in Deutschland zu arbeiten. Ihre Arbeit, Sensory Awareness, ist für mich eine Ergänzung zum dem, worauf der Zen Buddhismus aus ist: unmittelbare Erfahrung dessen, was im Moment ist. Es ist einfach eine andere Vorgehensweise, ein anderer Weg zum selben Ziel und ich mag die Körperlichkeit von Sensory Awareness. Sie korrespondiert auch damit, dass unsere Biografie, unsere innere und äußere Konditionierung, unsere Gewohnheiten, im Körper gespiegelt werden. Du wirst Dich an Charlottes Anweisungen erinnern: “Kommt vom Stehen zum Sitzen, zum Liegen. Wie begleitet Euch die Schwerkraft dabei?” Da zeigte sich immer sofort, wenn ich mich verspannte und dass das alte Gewohnheiten waren. Wohl konnte ich diese Verspannungen nicht einfach loslassen aber das Wahrnehmen hat sie mit der Zeit gelöst.

Manchmal stellte sie auch diese Frage, die ich nicht ausstehen konnte. Mitten im Probieren sagte sie dann: “Wo will es hin?”. Die Frage brachte mich jedesmal völlig aus der Fassung. Ich geriet in eine Panik, hatte keine Empfindungen mehr, keine Gedanken. Ich spüre das heute noch. Wenn ich daran denke, überlaufen mich Schauer.

Stefan: Weshalb? Weil es keine intellektuelle Antwort darauf gibt?

Christina: Nein. Ich hatte gelernt, nicht mehr zu wissen, wohin es wollte, weil ich dann als Kind immer in Schwierigkeiten kam. Deshalb war das die gefährlichste Frage und es war gefährlich, das zu wissen. Dahinter stand die Überzeugung dass, wenn es dahin ginge, wo es wollte, herauskäme, dass ich ein widerliches, abscheuliches, schreckliches Kind bin, das man absolut nicht lieben kann. Ich wusste damals bei Charlotte nicht, das es so schlimm stand mit mir, glaube aber, dass ich deshalb immer wieder zu ihr ging. Ich wusste, dass da etwas war, hätte aber nicht sagen können, was. Ihre Vorgehensweise war subversiv.

Stefan: Subversiv?

Christina: Ja, sie unterlief meine gewohnte Art meine Welt zu ordnen. Die Antwort war nicht im Kopf sondern im Körper. Und meinem Körper habe ich nicht getraut.

Stefan: Du gingst dann auch in eine 3-monatige Study Group nach Kalifornien. Wann war das?

Christina: Ich ging drei Mal hin. Das erste Mal 1988. Ich wäre wohl nicht nur wegen Charlotte gegangen. Ich wollte auch meine Zen-Praxis wieder aufnehmen und da die Study Group auf der Green Gulch Farm des San Francisco Zen Center’s war, hat mich das auch angezogen. Weder das Eine noch das Andere alleine hätte mich dahin gebracht aber beides zusammen war die perfekte Kombination. Ich ging also, nahm so oft ich konnte auch am Klosterleben teil – und blieb dann unerwartet gleich für ein ganzes Jahr im Zen Center. Weisst Du, vor Allem in den ersten zwei Study Groups gab mir ihre Arbeit oft einen direkten Zugang zu den “Chants” und zu den Lehren des Buddha. Ein Erlebnis werde ich nie vergessen: Ich kam eines Morgens in einer total miesen Stimmung zum Kurs. Ich war schrecklich genervt, worüber weiß ich nicht mehr. Und plötzlich hatte ich dieses Erlebnis. Es war total wortlos, reine Empfindung, die ich nur versuchsweise in Worte fassen kann: Ich fand mich plötzlich ganz tief in der gegebenen Aufgabe. Das führte zu Erfahrung, was zu weiterer Erfahrung führte und so weiter und so weiter, ohne Ende. Und da war einfach kein Raum und kein Grund für Ärger. Aber sobald ich das bemerkte, flippte etwas in mir aus und begann sich mit Händen und Füssen an meiner miesen Stimmung festzuhalten. Da verstand ich, was damit gemeint war, wenn die Lehre von diesem imaginären Selbst sprach, das wir uns erschaffen und dann ‘Ich’ nennen, dieses Selbst welches dann alles und alle danach beurteilt, was es für mich tut oder nicht tut. Und wie schnell das geschieht (schnippt mit den Fingern), dieses Identifizieren und Anhaften.

Ich stand da und erlebte all dies, amüsiert und mitfühlend zugleich, und dachte: “Ach, so geht das!” Und ich dachte, wie dumm, aber ohne Wertung, einfach erstaunt. So wie man einem kleinen Kind zusieht, das etwas unmögliches versucht und dann nochmal versucht und nochmal. Das habe ich nie vergessen und so oft, wenn ich mit ihr gearbeitet habe, habe ich sozusagen am lebendigen Leibe erlebt, worauf die Lehre zielt.

Stefan: Ein schönes Erlebnis.

Christina: Es war ein großes Geschenk. Ich kann es immer noch fühlen, kann es wieder wachrufen. Es war so klar, ohne Frage.

Stefan: Und wie ging es dann weiter in der Stunde?

Christina: Na ja, ich arbeitete weiter aber nun verstand ich, worum es ging, was die Lehre meint, wie Sensory Awareness uns auf dem Weg hilft. In diesem Sinne sehe ich Sensory Awareness und Zen als sehr verbunden. Zen ist ein sehr körperlicher Ansatz, ein Sinnes-Erleben. Ich lerne nicht besonders gut durch Lesen oder Denken. Ich muss erst erleben, dann erst verstehe ich: ach, so haben sie das in Worte gefasst! In diesem Sinne ist Charlottes Vorgehensweise Teil meines Lebens geworden, war es vielleicht schon immer gewesen.

Stefan: Damit hast du jetzt vielleicht schon eine meiner Fragen beantwortet, nämlich, wie Sensory Awareness und Zen zusammenpassen. Für Außenstehende sehen die Beiden sehr verschieden aus: Im Zen dominieren Form und Struktur und das ist so ganz anders mit Sensory Awareness.

Christina: Und doch hat Charlotte unsere Stunden mit stillem Sitzen begonnen. Sie hat eine Glocke geläutet. Wir durften das Wort “Übung” nie in den Mund nehmen.

Stefan: Oder “Körper”!

Christina: Körper, ja. Und “Normal”.

Stefan: Und stundenlang hat sie uns dazu aufgefordert, vom Sitzen zum Stehen zu kommen. Es war wie tägliches Zazen, man praktizierte, egal ob man saß oder ging. Ich glaube auch, dass es nichts gibt, das nicht Form hat.

Christina: Und natürlich ist nichts nur Form, es ist auch leer. Für mich zielen beide Lehren auf dasselbe – und ich denke, dass gilt auch für das Christentum, den Islam, das Judentum – wie die Speichen eines Rades führen sie zum Sein. Zu einem Leben, das nicht von unseren Vorstellungen begrenzt ist, von Ideen über uns, von Geschichten, die wir uns erzählen, zu was wir fähig sind oder nicht fähig sind, wie wir die Welt kontrollieren müssen, um in Sicherheit zu leben. Wir können diese Fallen nicht vermeiden, sie gehören wohl zum Erwachsenwerden. Deshalb heißt es in der Bibel auch: “Ihr sollt wie die Kinder werden.” Es heißt nicht, wir sollen Kinder bleiben. Wenn wir Kinder blieben, könnten wir uns nicht in dieser Welt zurechtfinden. Aber wir müssen dahin zurückfinden, wie Kinder zu erleben, direkt, ungefiltert. Ich glaube, das war Charlottes Ziel, und das ist das Ziel des Buddhismus – und bestimmt aller mystischen Richtungen. Nur die Formen sind verschieden.

Am Ende sind wir aber wohl gar nicht so frei in der Wahl der Form. Sie muss passen. Ich habe diese Tendenz zu Strenge und Disziplin und wie ich zum Zen kam, dachte ich erst, dass es vielleicht gar nicht das Beste für mich war und diese Tendenz nur verstärken würde. Aber die Einfachheit und Klarheit von Zen öffnet mich innerlich, ich werde lebendig. Die strikten Formen geben Raum für das Weiche in mir. Ähnlich geht es mir in romanischen Kirchen. Die strenge Architektur gibt mir Raum. Wir sollten uns von den Formen nicht irreführen lassen. Wir müssen die uns passenden finden. Sie dürfen die Arbeit nicht schwieriger machen, sondern sollen sie unterstützen. Wenn wir unsere Energie an unpassenden Formen verausgaben, können wir die innere Arbeit nicht tun.

Stefan: Das ist schön gesagt. Der Lebensweg muss erfahrend gefunden werden. Ich weiß nicht, ob ich dafür die richtigen Worte finde. Die richtigen Entscheidungen können nicht einfach mit Denken gefällt werden, wir müssen sie sozusagen ertasten. Das erinnert mich an die Zeit, als ich für Charlotte sorgte. Ich ging zu Marion Rosen in eine “Behandlung”. Sie tastete meinen Rücken ab und sagte dann plötzlich: “Weißt Du, Du bist kein Mönch. Du gibst Dir zwar sehr Mühe, bist aber keiner. Wenn Dir das liegen würde, müsstest Du Dich nicht so aufrecht halten im Sitzen. Dann wärst du aufrecht.” Das hat mich damals sehr beeindruckt. Bis heute habe ich diese zwei Seiten in mir, den Mönch und den “Haushälter”. Ich denke, ich sollte ein Mönch sein, bin es aber nicht. Das konnte sie sofort in meinen Geweben spüren. Da gibt es diese Spannung zwischen dem, wie ich denke, wie ich sein sollte und wie das Leben will, dass ich bin.

Christina: Ja, wo will es hin, ist die Frage.

Stefan: Ja, und ich fürchte mich vor der Antwort.

Christina: Vielleicht will es nicht, wie Du willst.

Stefan: Oder wie ich denke, dass ich sollte.

Christina: Aber wenn Du diesen Widerspruch in Dir trägst, dann interessiert mich die Frage: Wie kann ein Mönch in der Welt leben? Anstatt zu sagen: “Ich bin eben kein Mönch”, stellt sich die Frage, wie gestaltet ein Mönch ein Leben als “Haushälter”. Du bist bestimmt beides.

Stefan: Das stimmt.

Christina: Ein Mönchsleben muss nicht so aussehen, wie Du denkst. Ich glaube, dass wir in einer Weise alle Mönche sind, die meisten wissen es nur nicht. Ich meine damit, dass wir eigentlich alle ein einsames Leben führen, das niemand mit uns teilt. Wie Kodo Sawaki sehr ungeschminkt sagte: Du kannst nicht für jemand anderen furzen. Rilke sagte es poetischer: “Was Not tut, ist doch nur dieses: Einsamkeit, große innere Einsamkeit. In-sich-gehen und stundenlang niemandem begegnen – das muß man erreichen können”. Was er auch sagt, und das ist die andere Seite der Medaille, dass jemanden zu lieben das schwierigste in der Welt ist. Und über’s Zusammenleben sagt er, dass “die gute Ehe die ist, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.”

Das vollständige Interview, das im Rahmen von Stefans “Charlotte Selver Oral History and Book Project” am 18. April 2011 in Mill Valley, California, geführt wurde, kann in englischer Sprache auf dieser Webseite angehört werden.

Kiku Christina Lehnherr war Äbtissin von San Francisco Zen Center’s City Center von 2012 bis 2014. In ihrem Herkunftsland, der Schweiz, arbeitete sie als ausgebildete Physiotherapeutin und Klinische Psychologin. Als Schülerin von Tenshin Reb Anderson wurde sie 1993 zur Priesterin ordiniert und erhielt 2005 von im die Dharma-Übertragung. Mit Charlotte Selver studierte sie Sensory Awareness seit 1982 und wurde von ihr als Lehrerin (Leader) autorisiert. Sie lebt und lehrt heute in Marin County in Kalifornien.

Stefan Laeng praktiziert Sensory Awareness und verwandte Arbeiten seit 1980. Er studierte mit LehrerInnen in der Schweiz und den USA. Mit Charlotte Selver arbeitete er von 1991 bis zu ihrem Tod 2003 intensiv zusammen, als Schüler wie auch in gemeinsamen Kursen. Er erhielt von ihr 1996 die Lehrberechtigung. Buddhistische Meditation und Philosophie bilden seit den frühen 80er Jahren eine Grundlage seiner Arbeit und seines Lebens. Er ist Executive Manager der Sensory Awareness Foundation und bietet sowohl Einzel- als auch Gruppenunterricht und Workshops an. Er arbeitet zur Zeit an einem Oral History und Buchprojekt über Leben und Wirken von Charlotte Selver. Stefan lebt in Hancock, New Hampshire, USA.

Web Site: www.mindfulnessinmotion.net